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Nachhaltigkeit in der Veranstaltungsbranche
Untersuchungen zu einem unmöglichen Begriffspaar
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(Langversion eines Artikels in der Bühnentechnischen Rundschau 06/10 von Thomas Sakschewski, Reinhard Horn und Michael Mathes)
Nachhaltigkeit in der Veranstaltungsbranche ist ein Oxymoron. Fliegende
Bauten werden für ein kurzes Erleben mit großem Aufwand geplant und
umgesetzt, Szenenbilder werden einmal abgespielt schnell entsorgt und
die Verbrauchsspitzen in Stadien und großen Versammlungsstätten müssen
den Vergleich mit dem durchschnittlichen Energiebedarf mehrerer
Reihenhaussiedlungen zwischen Flensburg und Freiburg nicht scheuen. Wenn
trotzdem hinter modischen Bezeichnungen wie „Green Event“ oder
„Sustainable Stand Design“ das Thema der Nachhaltigkeit auch in der
Veranstaltungsbranche zunehmend in den Fokus rückt, dann hat das nicht
nur mit den globalen Marketing Trends zu tun, sondern auch mit einer
zunehmenden Sensibilisierung der Kunden und Dienstleister. Die Autoren Thomas Sakschewski, Reinhard Horn und Michael Mathes untersuchen
die Problemstellen im Zusammenwirken von Nachhaltigkeit und
Veranstaltungsbranche. Dabei gelingt es ihnen für technische
Dienstleister und im Messe- und Dekorationsbau Aktionsfelder für ein
nachhaltiges Veranstaltungsmanagement in der Praxis zu eröffnen.
Die Bandbreite der unterschiedlichen Definitionsanstrengungen für den Begriff der Nachhaltigkeit ist beeindruckend. Aus der Diskussion um die adäquate Übersetzung des Adjektivs „sustainable“ als „anhaltend“, „lange nachwirkend“, „aufrechthaltbar“, „tragfähig“ oder „dauernd“ hat sich heute die Bezeichnung „nachhaltig“ durchgesetzt. Nachhaltigkeit gilt neben der Demografie und im direkten Zusammenhang zum Klimawandel als der Megatrend, der das Leben aller, die Wirtschaft und das gesellschaftspolitische Handeln beeinflusst. In den vergangenen Jahren wurde nachhaltig entwickelt, nachhaltig konsumiert, nachhaltig getanzt, wurde nachhaltig produziert und gestaltet, gefahren und gegessen.
All dies ist auf eine Schrift mit dem schönen Titel „Sylvicultura oeconomica – Abhandlung zur wilden Baumzucht“ zurückzuführen. Carlo von Carlowitz beschrieb schon 1713 in dieser forstwirtschaftlichen Abhandlung den nachhaltigen Umgang mit der Natur im Waldbau. Mit anderen Worten: Wird ein Baum geschlagen, muss ein neuer gepflanzt werden, damit morgen wieder einer geschlagen werden kann. So einfach wie das Konzept erscheint, so schnell geriet es in Anbetracht der unerschöpflich anmutenden Energieressourcen der industriellen Revolution in Vergessenheit. Erst das Menetekel des ersten Berichts von Dennis Meadows an den Club of Rome und das beängstigende Szenario vollkommen leerer Autobahnen an so genannten autofreien Sonntagen nach dem ersten Ölschock verschaffte dem „Ende des Wachstums“, so der Titel des Berichts, eine neue Relevanz. Der Schock saß tief. 1972 auf dem ersten „Erdgipfel“ der UN-Umweltkonferenz in Stockholm bekannten sich zum ersten Mal 178 Staaten zu einer gemeinsamen Handlungsempfehlung für ein in der Verantwortung des Menschen liegenden Ökosystems Erde. Der Begriff Sustainability taucht dann wörtlich 1987 im Brundtland Bericht auf „Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ Die Verantwortung für kommende Generationen begleitet seitdem jedes Reden und Denken über Nachhaltigkeit. Konkretisiert wird dieser Gedanke in der Agenda 21, die 1992 in Rio de Janeiro beschlossen wurde. In dem Drei-Säulen-Konzept wird die Notwendigkeit betont, soziale, ökonomische und ökologische Aspekte der menschlichen Existenz gleichrangig zu berücksichtigen.
Ziel einer dauerhaft ökologisch verträglichen Wirtschaftsweise ist neben dem Abbau ökologischer Risikopotenziale ein geringer Durchfluss von Rohstoffen und Energie. Der Markt entwickelt sich, bedingt durch den zentralen Wettbewerbsfaktor „Bio“ und dem damit verbundenen Image, weiter in Richtung zunehmend umweltschonender, nachhaltiger Produkte und deren Herstellungsverfahren. Die ökonomische Dimension der nachhaltigen Entwicklung zeigt sich in einer erstaunlichen Marktdynamik und enormen Wachstumspotenzialen für nachhaltige Produkte. Die dritte Säule der Nachhaltigkeit, die soziale Dimension, spielt hierbei eine wichtige Rolle, wie Sportartikelhersteller mit Fabriken in Bangladesch oder Spielzeugfabrikanten, die fast ausschließlich in China produzieren lassen, deutlich spüren mussten. Fast zwanzig Jahre später, mit den Klimaschutzprotokollen von Kyoto und den zahllosen Beweisen eines vom Menschen verursachten Klimawandels, zweifelt kaum jemand mehr die Dringlichkeit notwendiger Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung an. Doch im Spannungsgefüge zwischen ökonomischen Zwängen und ökologischen Interessen, zwischen Pluralisierung der Lebensstile und Globalisierung der Lebenswelten, zwischen sozial und ökologisch nachhaltigen Lebensmitteln bei Discountern und der Schnäppchenpreismentalität der Konsumenten scheinen viele ökologisch bewegte Wünsche der Vergangenheit bereits erfüllt und andere Wunschwelten unerreichbar.
Nachhaltigkeit in der Messebaubranche
Schon zur Jahrestagung im Juni 2008 haben die Mitglieder des Forums Messe und Ausstellung, kurz FMA, für die Erstellung eines Nachhaltigkeitsleitfadens im Messebau votiert. Die Anleitung liegt den Mitgliedern nun vor, aber die Anstrengungen des Verbandes Direkte Wirtschaftskommunikation e.V., kurz FAMAB gehen weiter. Sie erarbeiten derzeit eine Grundlage für eine zukünftige Zertifizierung, die anders als der britische Standard BS 8901 Sustainable Event Management nicht vorrangig die einzelne Veranstaltung im Fokus hat. Unternehmen und Organisationen sollen damit eine überprüfbare und festgeschriebene Prozesssteuerung etablieren, die ein Mindestmaß an nachhaltigem Handeln sicherstellt. Gleichzeitig sollen für einzelne Schlüsselkennzahlen quantifizierbare Maximalwerte vorgegeben werden. Noch ist unklar, ob eine zukünftige Richtlinie lediglich die Basis für eine Selbstverpflichtung der Branche darstellen soll, oder gemeinsam mit einem Zertifizierungspartner Nachhaltigkeit in der Veranstaltungsbranche kontrolliert und gemessen werden kann, so ist aus dem westfälischen Rheda-Wiedenbrück, dem Sitz der FAMAB zu vernehmen. Doch einig ist man sich bereits, dass die Maßstäbe der Nachhaltigkeit weder von branchenfremden Zertifikaten wie den „Green Globe“ noch von den Initiativen einzelner Unternehmen wie der WWM oder dem Atelier Damböck ohne Anpassung übernommen werden können, denn die Kooperation mit einer Klimaagentur, die für Lösungen im freiwilligen Klimaschutz steht und den Ausgleich nicht weiter reduzierbarer CO2-Emission ermöglicht, bieten den Unternehmen zwar Chancen für eine Umweg-Nachhaltigkeit, die vermarktbar ist, kann jedoch nur ein Baustein innerhalb einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung bilden.

Abbildung: Wirkungsfelder und Vorgehen gemäß BS 8901
Große Hoffnung wird dabei auf die Realisierung einer ISO 20121 auf Basis des britischen Standards BS 8901 gesetzt. Bis zur Olympiade 2012 in London soll der Standard in Kraft treten. Rund 30 Staaten unterstützen aktiv oder als Beobachter den Ausschuss ISO/PC 250, der die neue Norm erarbeitet. Die Einbeziehung zahlreicher Interessengruppen soll sicherstellen, dass der Standard künftig einen international anerkannten Rahmen für die Umsetzung von Nachhaltigkeit bieten wird, innerhalb dessen Veranstaltungsplaner, Kunden und Anbieter nachhaltige Prozesse und Angebote umsetzen können. Die Norm ISO 20121 werde zum Beispiel die Nachhaltigkeit beim Betrieb eines Veranstaltungsortes, bei der Auswahl der Zulieferer sowie bei Kommunikation und Transport beleuchten und auf alle Typen von Veranstaltungen anwendbar sein - seien es Ausstellungen, Sportwettkämpfe oder Konzerte. Die Messebaubranche sieht sich in der zukünftigen ISO nicht unbedingt vertreten. Zu unterschiedlich scheinen hier Interessen und Zielvereinbarung zwischen Veranstaltungsorten einerseits und Herstellern bzw. Lieferanten notwendiger Einbauten andererseits.
Das wichtigste Maß für die Messung der Nachhaltigkeit in der Messebaubranche stellt die CO2-Bilanz dar. Der Zweck einer CO2-Bilanz ist eine möglichst vollständige Erfassung sämtlicher CO2-Quellen, die jemals in einem Produkt CO2 binden konnten und die möglichst genaue Erfassung der Emissionen. Durch die Verbrennung bzw. die Vernichtung eines Produkts z.B. des Rohstoffs Holz bleibt CO2 als Endprodukt erhalten, das kaum aus Abgasen herausgefiltert werden kann. Das Ergebnis einer Output-Analyse, also dessen was übrig bleibt, muss also ein Wert mit einer Einheit sein. Meist wird hier - angeglichen an das Kyoto-Protokoll - in Tonnen pro Jahr gerechnet. Somit muss die von Exploration, Gewinnung, Transport und Bereitstellung bereinigte CO2-Bilanz von Holz ausgeglichen sein, was bedeutet, dass der Rohstoff bei seiner Vernichtung die Menge an CO2 freisetzt, die er bei der Entstehung abgespeichert hat. Kommen wie üblich weitere Wertschöpfungsprozesse hinzu, ist die benötigte Vollständigkeit einer Holzbilanz, bedingt durch Verzweigungen von Koppelprodukten und dem sich daraus ergebenden überdimensionalen Bilanzierungsaufwand, ausgesprochen aufwändig. Darüber hinaus sind alle Leistungen und Produkte des Systems „Wald“ noch lange nicht in einer solchen Bilanz wieder zu finden. Daher sollte eine CO2-Bilanz ganzheitlich mit Zieldefinition und Wirkungsabschätzung als Teil einer Ökobilanz nach DIN EN ISO 14040 verstanden werden. Die Ökobilanz nach DIN umfasst folgende Grundsätze: Sie soll den gesamten Lebensweg eines Produkts betrachten, das so genannte Life Cycle Assessment, sich vornehmlich an umweltbezogenen und weniger an ökonomischen oder sozialen Aspekte ausrichten. Sie vertritt einen relativen Ansatz, der Sachbilanzen als Input einbeziehen kann. Sie soll Transparenz schaffen und ganzheitlich alle Aspekte und Attribute berücksichtigen. Im ersten Schritt einer Ökobilanz werden die Ziele definiert, der Anwendungsbereich und die Analysetiefe beschrieben. Im zweiten Schritt wird eine Sachbilanz aller Input- und Outputströme erstellt. Die Ströme sind ausschließlich Inputs aus der Natur und Outputs an die Natur, somit sind Materialien und Güter vorrangig in Rohstoffentnahmen und –emissionen umzurechnen. Entscheidend sind hier die definierten Systemgrenzen, da es auf Grund der vielfältigen Verflechtungen von Produktions- und Entsorgungsstrukturen praktisch unmöglich ist, eine vollständige Sachbilanz zu erstellen. Die Wirkungsabschätzung im dritten Schritt untersucht die Umweltauswirkungen der Input-Output-Daten, wobei die einzelnen Stoffe den in diesem Zusammenhang interessierenden Umweltveränderungen bzw. -problemen zugeordnet werden. Hierzu unterscheidet die DIN EN ISO 14044 mehrere Wirkungskategorien. Unter Wirkungskategorie ist die auf den Sachbilanzergebnissen beruhende Zuordnung in eine Umweltkategorie zu verstehen. Folgende Wirkungskategorien werden üblicherweise betrachtet: Der Primärenergiebedarf wird unterteilt in fossil und erneuerbar und dient als eine Zusammenfassung des Verbrauchs von energetisch genutzten Ressourcen. Das Treibhauspotenzial beschreibt die Auswirkung auf die globale Erwärmung, die durch Treibhausgase hier hauptsächlich gemessen in CO2 Äquivalenzen hervorgerufen wird. Das Eutrophierungspotenzial berücksichtigt die Verursachung von „Überdüngung“, das Versauerungspotenzial bemisst den Beitrag zum „sauren Regen“ und das Ozonabbaupotenzial die Einwirkungen auf den Abbau der Ozonschicht. Im vierten und letzten Schritt erfolgt die Auswertung, welche die festgestellten Umweltauswirkungen der zweiten und dritten Phase bewertet und gegenüberstellt.

Die Abbildung zeigt die CO2-Bilanz einer Spanplatte im Trockenbaubereich. Deutlich sichtbar die Gesamtsenke für Spanplatten. Nachdem aller Energieaufwand bei der Produktion berücksichtigt wurde, werden ca. 910 kg/m3 CO2 emittiert, wenn die Spanplatten am Ende ihres Lebensweges biologisch abgebaut oder energetisch genutzt wird, um fossile Energieträger wie Öl oder Gas zu substituieren.
Ökobilanzierung für ein Unternehmen des Messe- und Dekorationsbaus
Um Nachhaltigkeit im Messebau über eine schrittweise Einführung von Ökobilanzen nutzbar zu machen müssen vor Beginn die Ziele klargestellt und die Anwendungsbereiche definiert werden. Dazu erfolgt im ersten Schritt die Rückführung der zahllosen im Messe- und Dekorationsbau eingesetzten Materialien auf die wesentlichen Grundwerkstoffe: Holz, Metall hier vollem Aluminium und Stahl, Kunststoffe wie Polymethylmethacrylat (Acrylglas) und Polyethylenterephthalat mit Glycol (PETG), Textilien und Farben. Die Holzwerkstoffe machen mengenmäßig den größten Teil aus. Sie finden als Unterkonstruktionen, Böden, Seiten- und Dachkonstruktionen sowie als Oberflächen- und Dekorationselemente und ganze Bühnenaufbauten Verwendung. Nach Beobachtungen der Liefermengen in einem Zeitraum von einem halben bis zu einem Jahr kann eine Rangliste der mengenmäßig (nicht wertmäßig) größten Produktgruppe erstellt werden. Vergleichbar zu anderen Unternehmen der Branche ergab sich folgende Rangliste: 1. Spanplatte, 2. Tischlerplatte, 3. MDF, 4. Multiplex und 5. OSB. Für diese Plattenholzwerkstoffe wurden die spezifischen CO2-Werte bereits ermittelt. Materialprüfungsanstalten und wissenschaftliche Institutionen stellen neben den notwendigerweise parteiischen Informationsquellen der Lieferanten und Hersteller die sicherste Herkunft für zertifizierte CO2-Werte dar. So hat z.B. das Institut Bauen und Umwelt e.V. durch einen Sachverständigenausschuss knapp 70 Bauprodukte nach ISO-Normen mit Umwelt-Produktdeklarationen verschiedener Hersteller ausgestattet. Die Berechnung der betriebsbezogenen CO2-Emission erfolgt auf Basis eines Projektstrukturplans. Dieser erlaubt die Emissionszuordnung der einzelnen Arbeitschritte und bietet bei Berücksichtigung der Abhängigkeitsbeziehung eine Struktur der effektiven Aufeinanderfolge der verschiedenen Vorgänge. Auf der Basis eines Projektstrukturplans lassen sich die Teilaufgaben zur Fertigung einer Dekoration in überschneidungsfreie, klar abgegrenzte Arbeitspakete zerlegen. Im nächsten Schritt werden auf Basis der CO2-Emissionen die notwendigen Arbeitsschritte und die zertifizierten CO2-Werte der Plattenholzwerkstoffe zusammengeführt. Ziel ist dabei, die üblichen Informationen eines Angebots um ein Maß für die Nachhaltigkeit eines kalkulierten Messestandes zu erweitern, und so im besten Fall den Kunden, also die Agentur zur Weitergabe an den Aussteller, entscheiden zu lassen, in welchem Maße er sich mit einem nachhaltigen Messestand oder Dekorationsbau präsentieren möchte, der vielleicht nicht die kostengünstigste Alternative darstellt. Ziel also ist es die Informationen für den Kunden schon im Angebot, um die Angabe einer Produkt-Klima-Kennzahl zu erweitern.
Die Abbildung veranschaulicht die zur Erweiterung einer Produktdatenbank um CO2-Bilanzen programmierte Datenbanklösung bei Berechnung der Produkt-Klima-Kennzahl unterschiedlicher Plattenholzwerkstoffe bei vergleichbarer betrieblicher Weiterverarbeitung unter Berücksichtigung der kostenrelevanten Parameter Verschnitte und Reste und Volumen des Bauteils, wobei das Volumen nur über den Faktor Hilfsmittel bei den einzelnen Arbeitspaketen berücksichtigt wird.
Kosten-Nutzen-Perspektive
Die Produkt-Klima-Kennzahl ist für den Aussteller nur ein Kriterium für die Werkstoffwahl, denn die optischen, haptischen und funktionalen Aspekte sind neben dem Preis nach wie vor entscheidend. Dies gilt in besonderem Maße, da der Messebau zu einem nicht unerheblichen Teil des Gesamtbudgets eines Messeauftritts ausmacht. Letztlich muss der Aussteller entscheiden, ob voraussichtliche Mehraufwendungen seinen eigenen Leitlinien entsprechen oder nicht. Der Imagefaktor eines nachhaltigen Messestands aber kann ein wichtiger Kosten-Nutzen-Faktor sein, denn die ökologische Leistung und das Thema Umweltschutz werden so dem Messebesucher sichtbar gemacht und die ökologische Qualität vom Kostenfaktor zum Wettbewerbsfaktor. Der Messebauer kann mit der hier vorgestellten Lösung einer um CO2-Bilanzen der Produkte und der innerbetrieblichen Weiterbearbeitung der Produktdatenbank Wettbewerbsvorteile erzielen. So kann er in einer frühen Planungsphase gemeinsam mit dem Kunden entscheiden, ob die Priorität für einen geplanten Dekorationsbau insgesamt oder nur für ein spezielles Bauteil bei der Produkt-Klima-Kennzahl liegt oder bei anderen technisch relevanten Eigenschaften. Dabei gilt auch weiterhin zu beachten, dass die auf CO2-Bilanzen basierenden Kennziffern nur eine ungefähre Aussagekraft über die tatsächliche Umweltbelastung haben. Sie geben keine Auskunft über die Umweltverträglichkeit der Inhaltsstoffe oder die produktionsbetrieblichen Verhältnisse beim Hersteller. Dennoch erleichtern sie den Gehversuch zu einem ersten “Carbon Footstep“ in Richtung einer nachhaltigen Messebaubranche.
Nachhaltigkeit für technische Dienstleister der Veranstaltungsbranche
Während für den Messe- und Dekorationsbau durch ihre Produktionsorientierung der hier vorgestellte Ansatz einer um CO2-Kennzahlen erweiterten Produktdatenbank für die wesentlichen Werkstoffe eine zielführende Maßnahme zur Nachhaltigkeit ist, stellt sich die Situation bei technischen Dienstleistern der Veranstaltungsbranche weniger einfach dar. Schon die Maßgabe einer Rückführung auf die Rohstoffe, wie es die DIN ISO 14044 verlangt, führt bei einem auf Dienstleistungen und Vermietungen beruhendem Geschäftsmodell zu kaum lösbaren Problemen. Für Veranstaltungstechnik-Dienstleister, deren Unternehmenszweck es ist, mit Fachpersonal und eigenem sowie hinzu gemietetem Equipment Veranstaltungen zu planen und durchzuführen , müssen daher Konzepte zur Nachhaltigkeit entwickelt werden, die über eine Ökobilanz hinausgehen und auch die soziale und ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit berücksichtigen. Für die veranstaltungstechnischen Dienstleister sind als soziale Aspekte der Nachhaltigkeit vor allem familienfreundliche Arbeitsverhältnisse, die berufliche Weiterbildung sowie die Chancengleichheit in der Personalpolitik zu berücksichtigen.
Eine familienfreundliche Politik scheint den grundsätzlichen Widerspruch von Nachhaltigkeit und Veranstaltung kristallklar widerzuspiegeln, denn wie soll denn ein technischer Dienstleister abhängig von wechselnden Einsatzorten, zumeist Wochenendarbeit und Nachtschichten familienfreundlich sein?
Arbeitsabläufe bei technischen Dienstleistern bestehen aus der Planung und der Durchführung von Projekten. Die Durchführung findet in der Regel im Rahmen einer bestimmten Veranstaltung statt und ist damit zeitlich und örtlich gebunden. Die Planung hingegen kann eher als flexibel gestaltbar betrachtet werden. Der Großteil dieser Planungstätigkeit ist allerdings an Datenverarbeitungssysteme gekoppelt und erfordert Zugänge zu Netzwerken, Warenwirtschaftssystemen und anderen Programmen. Die Verlagerung von Tätigkeiten vom eigentlichen Arbeitsplatz an den heimischen Schreibtisch erfordert daher neben einer funktionstüchtigen und sicheren Lösung über VPN (Virtual Personal Network) oder webbasierten Applikationen vor allem eine gute Koordination. Sind diese mobilen Arbeitsplätze allerdings einmal funktionstüchtig, können sie auch die Arbeit an Veranstaltungsorten erheblich erleichtern. Zu beschränken ist die Arbeit zu Hause auf Tätigkeiten, die keinen direkten Kundenkontakt oder betriebliche Anwesenheit in Meetings erfordern. Auch erfordert die Arbeit von zuhause eine hohe Eigenverantwortlichkeit der Mitarbeiter. Eine systematische Weiterbildung findet in der Veranstaltungsbranche nur in wenigen Unternehmen statt. In der Regel erfolgt ein training on the job und Weiterbildung nach Bedarf, denn der Kompetenzaufbau bei den Mitarbeitern wird zu allererst als ein persönliches, projektabhängiges Erfahrungslernen verstanden. Das Ziel der Chancengleichheit stellt eine Unmöglichkeit dar, nämlich die Aufhebung sozialer Ungerechtigkeiten.
Im Mittelpunkt stehen dabei die so genannten Big 8 als Merkmale benachteiligter Gruppen: Rasse, Geschlecht, ethnische Herkunft, Alter, sexuelle Orientierung, Klasse, Behinderung und Religion. Als integrierender und moderner Ansatz gegenüber einem traditionellen Verständnisses von Gleichstellung, Gleichbehandlung und Gleichberechtigung hat sich das Konzept Diversity Management etabliert. Diese Herangehensweise orientiert sich nicht an einzelnen Differenzansätzen, sondern betrachtet Heterogenität in all ihren Varianten als positive Ressource und als Chance zur Gestaltung und unternehmerischen Entwicklung. Im Mittelpunkt steht dabei Vielfalt als eine Eigenschaft unserer Gesellschaft. Der Diversity Ansatz widerspricht damit dem Bild der Randgruppen, die sich außerhalb einer konstruierten „Mitte“ befinden. Dabei geht es nicht allein um eine nur sprachliche Umdeutung, sondern um eine individuelle Förderung und Stärkung, denn die Integration von Diversity Management in Personalpolitik zielt darauf ab, die Motivation der Mitarbeiter durch Berücksichtigung ihrer individuellen Situation zu steigern und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Potenzial zum Nutzen des Unternehmens besser einzubringen. Dies gelingt gerade in der Veranstaltungsbranche durch die Berücksichtigung von Kompetenzen vor Qualifikationen und der Notwendigkeit unterschiedliche Kunden- und Besuchergruppen zu bedienen, vielenorts geradezu vorbildlich.
Für den Fokus Nachhaltigkeit bei veranstaltungstechnischen Dienstleistern müssen in der ökonomischen Dimension zwei Aspekte betrachtet werden: der Transfer von Technologien und die Förderung verantwortungsbewusster Unternehmerschaft. Der Transfer von Technologien zielt auf die Verbreitung möglichst ressourcenschonender Arbeitsprozesse, wobei Human-, Finanz- und Naturkapital gleichermaßen als Ressourcen gelten. Dazu zählt insbesondere auch die Verbreitung von nachhaltigen Technologien und Arbeitsabläufen in andere Wirtschaftssysteme, speziell Schwellen- und Entwicklungsländer. Aufgrund der Größe der Veranstaltungswirtschaft gibt es wenige multinationale Unternehmen und auch Interessenverbände dieser Branche sind in ihrem Handlungsrahmen, verglichen mit anderen Branchen wie der Chemie- oder der Automobilindustrie, überschaubar. Auch halten sich die technologischen Innovationen der Veranstaltungstechnik in Bezug auf Nachhaltigkeit in Grenzen, so dass ein breit angelegter Technologietransfer hier im Moment schwer vorstellbar ist. Vielmehr gründen die Innovationen in der Veranstaltungsbranche auf weiter gefassten Wissenschaftsbereichen wie der Elektrotechnik oder der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre. Damit liegt die Verantwortung zur Weitergabe erreichter Fortschritte nicht ausschließlich bei der Veranstaltungswirtschaft. Dennoch stellen die in Unternehmen der Industrieländer gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen im Bereich nachhaltiger Veranstaltungen ein wertvolles Potenzial dar, das der Veranstaltungswirtschaft in Schwellen- und Entwicklungsländern zugänglich gemacht werden sollte. Verantwortungsbewusste Unternehmensführung gilt als Grundlage nachhaltigen wirtschaftlichen Handelns und sollte im Unternehmen auch auf der Leitungsebene dementsprechend propagiert werden. Hier lässt sich eine Trendwende auch in der Veranstaltungsbranche ausmachen, in der verantwortungsvolles Handeln im Sinne der Qualitätssicherung und der Verantwortung an Bedeutung gewinnt.
Die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit zeigt sich bei veranstaltungstechnischen Dienstleistern in den Handlungsfeldern Gebäude und Logistik sowie im direkten Leistungserstellungsprozess. Energetische Sanierungen sind insofern bedeutend, dass Gebäude im Bestand heute etwa das Dreifache an Energie gegenüber gleichartigen Neubauten verbrauchen. Durch eine Sanierung kann jedoch oft eine ähnliche Energieeffizienz wie bei Neubauten erreicht werden. Genaue Einsparpotenziale lassen sich zwar nur mit einer detaillierten Wärmebilanz ermitteln, generell nimmt jedoch die Verringerung der für die Raumbeheizung notwendigen Energiemenge den höchsten Stellenwert bei Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz von Gebäuden ein. Eine der am einfachsten umsetzbaren und der am häufigsten verwendeten Maßnahmen ist die Wärmedämmung. Dabei wird mit einer Dämmung der Außenhaut und der Vermeidung von Wärmebrücken gearbeitet. Dadurch entfallen auch kalte Innenoberflächen, wodurch sich die nutzbare Fläche in Räumen gezielt vergrößern lässt. Daneben erlaubt eine wirksame Isolierung die leichte Absenkung der Innentemperatur, wodurch die Gefahr zu trockener Luft reduziert wird. Diese generellen Maßahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz können gerade bei veranstaltungstechnischen Dienstleistern mit Lager- und Lieferbereich durch intelligente Schließmechanismen, einfache Windfänge oder temporäre Raumtrenner ergänzt werden. Darüber hinausgehende Maßnahmen sind aufgrund der anspruchsarmen Lagerung von Veranstaltungstechnik nicht zu erwarten. In Europa auftretende Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen erfordern für Veranstaltungstechnik keine spezielle Lagerungsumgebung wie Kühlung oder Luftfilterung.
Der Transport bietet hingegen zwei Perspektiven, die betrachtet werden können: Transportlogistik aus betriebswirtschaftlicher Sicht und Transportlogistik aus technologischer Sicht. Die betriebswirtschaftliche Perspektive der Transportlogistik enthält vor allem organisationale Fragen wie die Wahl des Verkehrsträgers sowie die Gestaltung der Netzstruktur womit primär die effiziente Ausnutzung bestehender Transportkapazitäten bei optimierter Routenplanung gemeint ist und im weiteren Verlauf die Verringerung betriebsinterner Transportprozesse. Die technologische Perspektive zielt auf Alternativen und Verbesserungsmaßnahmen hinsichtlich verwendeter Transportmittel. Die technologische Perspektive ist jedoch begrenzt. Die Ladezeiten sind bei Veranstaltungen stark unregelmäßig und müssen flexibel angepasst werden können. Des Weiteren wechseln zu erreichende Veranstaltungsorte ständig und sind oft in Innenstädten gelegen. Zudem bleibt die für Veranstaltungen benötigte Materialmenge meist im Rahmen der Ladungsfähigkeit der größten LKW-Ausführung, eines Sattelzuges mit 40 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht. All dies erlaubt kaum Alternativen jenseits des Straßenverkehrs.
Die primäre wirtschaftliche Aktivität von technischen Dienstleistern in der Veranstaltungsbranche besteht darin, Veranstaltungstechnik zur Verfügung zu stellen und zu bedienen. Dieser Prozess kann unterteilt werden in einen materiellen und einen immateriellen Teil. Der materielle Teil dieser Dienstleistung besteht dabei aus dem Material selbst, das typischerweise aus Geräten oder Aufbauten und dem entsprechenden Zubehör besteht. „Geräte“ bedeutet hierbei alle Produkte der Licht-, Ton- und Videotechnik, die eine technische Funktion erfüllen. Als „Aufbauten“ hingegen werden alle Bauten bezeichnet, die eine der Technik zugehörige Funktion erfüllen also z.B. Traversen. Der immaterielle Teil der Dienstleistung wiederum kann differenziert werden in den vorbereitenden Teil, also die Planung und Disposition des Materials, und den ausführenden Teil, also Aufbau, Bedienung und Abbau. Für produzierende und verarbeitende Unternehmen macht es durchaus Sinn, mit Hilfe einer Ökobilanz gleichwertige Materialien zu vergleichen. Für technische Dienstleister hingegen ergeben sich zwei Probleme: Zum einen lässt sich eine Ökobilanz nur mit genauer Kenntnis der Herstellungsprozesse erstellen, zum anderen sind die relevanten Güter oft Teil komplexer Technologien und bestehen aus vielfältigen Komponenten unterschiedlicher Materialien und Fertigungsprozesse. Des Weiteren ist eine Vergleichbarkeit bei technisch komplexen Produkten der Veranstaltungstechnik kaum mehr gegeben. Dies gilt vor allem für Licht- und Tonpulte sowie Lautsprechersysteme und bewegte Scheinwerfer.
Dem gegenüber steht allerdings ein beachtlicher Teil an Produkten, bei denen von einer Vergleichbarkeit ausgegangen werden kann wie bspw. Kabel oder Traversen. Hier existieren zumeist mehrere Hersteller, die technisch gleichwertige Produkte anbieten. Für diese kann eine Berücksichtigung von Werten einer Ökobilanz bei Kaufentscheidungen in Betracht gezogen werden. Daneben lassen sich abhängig vom Einsatzzweck auch technologisch nicht gleichwertige Produkte einsetzen, die jedoch den geforderten Zweck erfüllen. So sind energiesparende Licht emittierende Dioden (LEDs) in der Regel weder technologisch noch optisch gleichwertig gegenüber Gasentladungs- oder Halogenlampen. Sie erfüllen aber häufig den gewünschten Zweck, wie bei Ambient- und Hintergrundbeleuchtungen, da dort weniger die Ausprägung eines spezifischen Lichtkegels, sondern lediglich eine bestimmte Lichtstimmung entscheidend ist.
Die Projektplanung von Veranstaltungen als erster Teil der immateriellen Dienstleistung bei technischen Dienstleistern umfasst im Wesentlichen die Auswahl des veranstaltungstechnischen Materials, die Erstellung von Plänen sowie die organisatorische Planung des Auf- und Abbaus. Bei der Planung der räumlichen Anordnung des Materials ist eine gewisse Effizienz schon aus wirtschaftlichen Gründen zwingend. So werden Kabelwege kurz gehalten und Material möglichst effizient, also termingenau im benötigten Umfang, eingesetzt. Daneben ergibt sich ein vielversprechender Ansatz aus der Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern. Bei der Auswahl von Zulieferern können, ein gleich- wertiges Leistungsangebot vorausgesetzt, jene bevorzugt werden, die eine nachhaltige Unternehmensführung betreiben. Ebenso können mit Hinblick auf ökologische Auswirkungen langer Transportstrecken regionale Zulieferer bevorzugt werden. Des Weiteren kann bei der Zusammenarbeit mit festen Veranstaltungsorten deren Nachhaltigkeitskonzept Berücksichtigung finden, bspw. das Vorhandensein eines Green Globe Zertifikates, das der Europäische Verband der Veranstaltungs-Centren (EVVC) vergibt.
Bei der Einrichtung und Bedienung von Veranstaltungstechnik bieten sich zwei Ansatzpunkte an: die Vermeidung und fachgerechte Entsorgung von Abfällen sowie die ressourcenschonende Bedienung der Geräte. Beim Einrichten der eigentlichen Technik fällt im Allgemeinen wenig Abfall an. Primär geht es darum, die Geräte zu platzieren und einen Signalweg herzustellen. Die dazu notwendigen Bestandteile sind geschlossene Komponenten, werden lediglich verbunden und nach der Nutzung wieder getrennt. Kleinere Abfallmengen entstehen beim Befestigen von Kabeln an Traversen oder am Boden mithilfe von Klebeband und Kabelbindern. Die Tatsache, dass diese Verbindungen stets in der gleichen Form zu finden sind, birgt das Potenzial für eine mehrfach verwendbare Lösung mit Klettbändern oder Mehrweg-Kabelbindern. Die Berücksichtigung nachhaltiger Aspekte bei der Bedienung von veranstaltungstechnischen Geräten beschränkt sich auf Gasentladungslampen. Hier gibt es herstellerseitig zur Energieeinsparung zwei Handlungsempfehlungen: das Abschalten der entsprechenden Lampen ab einer Nutzungspause von etwa einer Stunde sowie das vollständige Schließen der Verdunkelungsblenden, damit die automatisch wirkende Leistungsbegrenzung aktiviert wird. Diese senkt den Energieverbrauch des Leuchtmittels bei vorübergehenden Nutzungspausen.
Von diesen grundsätzlichen Überlegungen zur Nachhaltigkeit bei technischen Dienstleistern und den Potenzialen einer Ökobilanzierung im Messe- und Dekorationsbau ausgehend ist es noch ein langer Weg bis zur Messung und Kontrolle einzelner Indikatoren und damit hin zu einem ersten Schritt eines branchenspezifischen Zertifizierungssystems. Doch können im nächsten Schritt aus den Aktionsfeldern in sozialer, ökologischer und ökonomischer Dimension Maßzahlen entwickelt werden, die eine Grundlage dafür bilden, die branchenspezifischen Besonderheiten auch im nachhaltigen Wirken technischer Dienstleister genauer abzubilden. Dringend gefordert wird dies spätestens 2012 mit Einführung einer ISO 20121 sein. Dann sind Antworten der Branche gefordert, um Zertifizierungsfragen mit eigenen Konzepten oder Berücksichtigung des neuen internationalen Standards beantworten zu können.
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